Pippi Langstrumpf, Robbie Williams und die Leipziger OBM-Wahl

Eine Medaille hat zwei Seiten, aber es gibt mehrere Blickwinkel. Ein Bild kann eine Geschichte erzählen oder viele verschiedene. Was ich sehe, ist meine Wahrheit und nicht immer die Tatsächliche. Ein Beispiel gefällig? Ich habe gleich zwei. Ein politisches und ein mütterliches.

In Leipzig ist OBM-Wahl. Es geht in die zweite Runde, da keine/r der Kandidatinnen und der Kandidaten in der ersten mit der absoluten Mehrheit überzeugen konnte. Und doch war das knappe Ergebnis zwischen zwei Amtsanwärtern überraschend. Einige der Kandidaten verließen ihr Wahlkampfschiff, drei blieben in den ihren sitzen und schaukeln nun der Ziellinie entgegen. Oder rütteln und bringen die Kähne der anderen zum Schwanken, von links nach rechts oder in Schiffsprache: von steuer- nach backbord. Die Presse flitzt mit Speedbooten um die drei OBM-Anwärter und versucht aus deren Einsatz ein Ergebnis zu schlussfolgern. Liegen die Ruder richtig im Wasser? Und wie ist das Segel gesetzt, wenn der Wind auffrischt? Einem Reporter gelingt dabei ein unglaubliches Bild: eine kleine grüne Fliege hatte sich auf der Schulter des einen Voranstürmers niedergelassen und reibt sich ihre dünnen Beinchen. Die Schlagzeile war gemacht: „OBM Kandidat nutzt Kraft der Fliegenflügel um als erster durch das Ziel zu schießen.“ Das Bild wird kräftig in sozialen Medien geteilt und befeuert. „Der neue Herr der Fliegen“, titeln die einen überspitzt, während die anderen mit dem Kopf schütteln.

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Mir fällt spontan ein Foto vom Juni 2017 ein. Es zeigt, wie ich Robbie Williams küsse. Ob er mittlerweile seiner Frau davon erzählt hat? Im Februar des Folgejahres wurde unsere Tochter geboren. Zum Glück sieht sie ihrem Vater – meinem Partner – sehr ähnlich und trägt auch seinen Nachnamen. Jetzt habe ich euch verwirrt? Wörter und Bilder haben eine große Macht. Manchmal reicht es nicht nur hinzuschauen, sehr oft lohnt es sich, hinterherzuhören und die Bühne rückwärtig zu betrachten.

Wechseln wir die Schauplatz. Ein Spielplatz inmitten der Großstadt. Das bedeutet Kinderscharen und noch mehr Erwachsene, die ihrerseits die Aufführung betrachten, während das eigene, oder  betreute Kind, sich mit einem anderen um den Buddeleimer kloppt. Blicke taxieren und werten. Sind diese Markensneaker wirklich sandkastentauglich, ist die Mama entsprechend ungeschminkt oder wie gefüllt ist die Spielplatztasche? Tatsächlich habe auch ich mich schon dabei erwischt, wie ich mein Tagesoutfit vor dem Spielplatzbesuch downgrade, um den Blicken der Sandkastenmütter gerecht zu werden. Doch welches Vorbild bin ich dann für mein Kind? Also hole ich mich selbst aus der Schublade wieder heraus und spiele mit meiner Tochter unsere eigene Version von Pippi Langstrumpf. Ich mal unsere Welt, widewidewitt sie uns gefällt. Sie schliddert auf ihrem Matschhosenpopo die Rutsche hinunter und ich hülle meinen Hintern in meine Lieblingsjeans, die nicht outdoortauglich ist. So what!

Ein Kind weint bitterlich. Ich schaue auf. Es ist ein kleiner Junge und ich höre ihn nach seinem Ball schniefen. Vor ihm hockt eine Frau. Sicherlich seine Mama. Sie redet leise auf ihn ein. Ich entnehme ihrem Schulterzucken, dass sie den Ball wahrscheinlich nicht dabei hat. Der kleine Kerl weint noch heftiger. Die Mama wirkt hilflos. Andere schauen nun auch. Manche schütteln mit dem Kopf, ich höre die ältere Dame neben mir sagen: „Von dem würde ich mir wohl auf der Nase rumtanzen lassen. Die Mütter heutzutage sind alle zu weich und inkonsequent.“

Ich blicke zu meiner Tochter, die nun auf dem Bauch liegend die Rutsche heruntersegelt. Ich kenne diese Tage. Tage an denen einfach nichts mehr geht und man als Mama alles falsch macht. Wenn ich die Banane zweiteile und ich dafür im Anschluss dreigeteilt werde. Oder das Kind nach Apfelsaft verlangt, obwohl keiner im Haus ist. Mittlerweile weiß ich, dass es nicht an mir liegt, sondern der Tag einfach mühsam war oder noch ist. Weil auch Kinder schlechte Tage haben. Aber sie können sich noch nicht genau mitteilen. So wie Erwachsene das machen. Sie können nicht die eigenen Gefühle entsprechend regulieren. Dann ist so ein Ball plötzlich das Wichtigste der Welt. Und nichts ist in dem Moment bedeutender. Ich nehme meine Tochter an die Hand und gehe die wenigen Schritte zu der anderen Mutter, lege kurz meine Hand auf ihre Schulter und frage, ob ich ihr helfen kann, während mein Tochter dem Jungen ein freundliches Hallo entgegenlacht.

Tatsächlich ließ sich das Kerlchen für wenige Minuten auf ein Spiel mit meinem Kind ein, bevor er wiederholt weinend nach seinem Ball verlangte. Seine Mama hatte einen anstrengenden Tag – das hatte sie mir verraten und sich damit für ihr hilfloses Verhalten entschuldigen wollen. Sie wäre sonst nicht so. Er auch nicht.

„Kennst du Pippi Langstrumpf?“, fragte ich sie. Etwas irritiert nickte sie und bemerkte, das Buch lange nicht gelesen zu haben.

„Dann lies es mal wieder.“, schlug ich ihr vor.

Pippi sagt nämlich:  „Wenn das Herz nur warm ist und schlägt, wie es schlagen soll, dann friert man nicht.“

Hinter den Vorhang zu schauen und nicht immer an das Offensichtliche zu glauben, lohnt sich. Schon weil man dabei neue Welten entdecken kann.

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